Was sind Altcoins? Eine ehrliche Antwort ohne Buzzwords
Ein Bekannter fragte mich neulich am Telefon, ob er jetzt noch in „diesen einen Coin" einsteigen soll, von dem alle reden. Ich fragte zurück: Bitcoin oder Altcoin? Stille. Genau da liegt das Problem. Die meisten Leute werfen alles in einen Topf, was einen Ticker und einen Kurs hat.
Altcoins sind alle Kryptowährungen außer Bitcoin. „Alt" steht für „alternativ", nicht für „alt". Das ist die ganze Definition, und sie ist erstaunlich nutzlos, weil sie einen Markt beschreibt, in dem ein einzelnes Projekt die Hälfte der gesamten Kapitalisierung hält und der Rest sich um Aufmerksamkeit balgt. Wenn Sie verstehen wollen, was Altcoins wirklich sind, reicht die Definition nicht. Sie müssen verstehen, warum es sie gibt, wem sie nützen und wo das Geld tatsächlich verschwindet.
Wichtige Erkenntnisse
- Jede Kryptowährung außer Bitcoin ist per Definition ein Altcoin, inklusive Ethereum.
- Die meisten Altcoins lösen kein Problem, das jemand ohne Spekulationsabsicht hätte.
- Stablecoins zählen formal dazu, verhalten sich aber völlig anders.
- Ein Projekt bewertet man an Tokenomics, Liquidität und Code, nicht am Logo.
- Für Anleger in Deutschland gilt: Verluste aus Krypto sind nur eingeschränkt verrechenbar.
- Die meisten Altcoin-Projekte aus früheren Zyklen existieren heute nicht mehr.
Ich habe 2021 zum ersten Mal richtig Geld in einen Altcoin gesteckt. Nicht viel, aber genug, dass ich mich heute noch daran erinnere. Der Coin hieß irgendwas mit „Chain" und hatte ein Whitepaper von 40 Seiten, das ich nicht gelesen habe. Sechs Monate später war er 80 Prozent im Minus. Ich habe daraus mehr gelernt als aus jedem Gewinn davor.
Warum es Altcoins überhaupt gibt
Bitcoin kann genau eine Sache: Werte übertragen und speichern, ohne dass eine Bank dazwischensteht. Das ist enorm, aber es ist wenig. Keine programmierbaren Verträge, keine Anwendungen, kein Platz für irgendwas anderes.
Ethereum war der erste ernsthafte Versuch, diese Lücke zu füllen. Statt nur Coins zu verschieben, kann man auf Ethereum Programme laufen lassen. Das hat einen völlig neuen Markt geschaffen, und mit ihm Tausende Nachahmer.
Was Altcoins technisch unterscheiden
Drei Dinge entscheiden darüber, ob ein Altcoin anderes kann als Bitcoin oder nur anders heißt:
- Konsensmechanismus: Wer darf Blöcke produzieren? Bitcoin nutzt Rechenleistung, viele Altcoins setzen auf Einsatz von Kapital.
- Programmierbarkeit: Lassen sich Verträge, Token und Anwendungen darauf bauen?
- Geschwindigkeit und Kosten: Wie viele Transaktionen pro Sekunde, und was kostet eine?
Der Rest ist Marketing. Ehrlich gesagt ist genau das der Punkt, an dem die meisten Altcoins scheitern: Sie kopieren einen bestehenden Code, ändern zwei Parameter und nennen es Innovation.
Kurz gesagt: Bitcoin ist ein Tresor. Ein Altcoin ist ein Tresor mit eingebauter Werkbank. Ob Sie die Werkbank brauchen, ist eine andere Frage.
Welche Coins sind Altcoins? Eine nützliche Einteilung
Die Zahl der gelisteten Coins liegt bei über 20.000, wenn man die Handelsplätze zusammenzählt. Eine Liste wäre also wertlos, sie veraltet schneller, als Sie sie lesen können. Sinnvoller ist eine Kategorisierung nach Funktion.
Ethereum und Plattform-Coins
Ethereum ist der zweitgrößte Coin und trotzdem formal ein Altcoin. Daneben stehen Projekte, die schneller oder billiger sein wollen. Manche davon werden tatsächlich genutzt, viele nur gehandelt.
Stablecoins
Ein Stablecoin ist an eine Währung gekoppelt, meist an den Dollar. Der Kurs steht bei etwa 1,00, und das ist der Punkt. Ein Stablecoin ist kein Investment, sondern ein Werkzeug, um innerhalb des Kryptomarkts zwischen Handelsplätzen zu wechseln, ohne in Euro zurückzugehen.
Die übrigen Kategorien
- Privacy-Coins, die Transaktionen verbergen sollen
- Interoperabilitäts-Projekte, die Wert zwischen Blockchains bewegen
- Anwendungs-Token für dezentrale Börsen, Kredite, Versicherungen
- Memecoins. Ohne Funktion, ohne Team, ohne Plan
Diese letzte Gruppe hat in den vergangenen Jahren mehr Volumen bewegt als jede ernsthafte Anwendung. Das ist unbequem, aber es ist die Realität des Marktes.
Altcoins mit Potenzial: woran man sie erkennt
Ich habe mir über die Jahre eine grobe Prüfliste gebaut, weil ich zweimal Geld in Coins gesteckt habe, die ich nicht verstanden habe. Beide Male habe ich verloren.
Tokenomics verstehen, bevor man kauft
Die entscheidende Frage lautet nicht „Was macht dieser Coin?", sondern „Wem gehört er, und wann dürfen diese Leute verkaufen?" Wenn das Team und die frühen Investoren 40 Prozent des Angebots halten und die Sperrfristen demnächst auslaufen, dann ist der Kursverlauf vorgezeichnet.
Schauen Sie auf die Verteilung. Wenige Wallets mit sehr großen Beständen sind ein Warnsignal. Ein Token ohne Nutzen außer Handel ist ein Warnsignal. Ein Projekt, dessen Gründer anonym bleibt, ist für mich ein Ausschlusskriterium, und ja, damit schließe ich ein paar bekannte Namen aus.
Liquidität und Börsenpräsenz
Ein Coin, den man nur auf einer einzigen kleinen Börse handeln kann, ist praktisch unverkäuflich, wenn es darauf ankommt. Ich habe das einmal erlebt: ein Projekt, das auf einer Plattform 30 Prozent Spread hatte. Kaufen war teuer, verkaufen war fast unmöglich.
Ordentliche Liquidität heißt: mehrere bekannte Handelsplätze, enge Spreads, echtes Volumen auch außerhalb von Kursbewegungen.
Code und Audit
Ein unabhängiges Audit des Vertragscodes ist kein Luxus. Fehlt es, und das Team redet drumherum, dann gibt es einen Grund dafür. Die Zahl der Projekte, bei denen das Team mit den Einlagen verschwunden ist, ist erschreckend hoch.
Altcoins-Kurs und Prognose: was man seriös sagen kann
Nichts Genaues. Wer Ihnen einen Zielkurs nennt, verkauft Ihnen etwas.
Was man sagen kann: Altcoin-Kurse bewegen sich in Zyklen, und diese Zyklen hängen stark an Bitcoin. Wenn Bitcoin fällt, fällt alles andere stärker. Wenn Bitcoin steigt, steigen manche Altcoins überproportional. Dieses Phänomen nennen Leute im Markt eine Altcoin Season, also eine Phase, in der Kapital von Bitcoin in kleinere Coins fließt.
Ich habe 2021 versucht, diesen Wechsel zu timen. Ergebnis: Ich war immer ein paar Wochen zu spät. Sowohl beim Kaufen als auch beim Verkaufen. Timing ist die Disziplin, an der die meisten Privatanleger scheitern, und ich bin da keine Ausnahme.
Vergleich: Stablecoin und typischer Altcoin
| Merkmal | Stablecoin | Typischer Altcoin |
|---|---|---|
| Kursziel | Stabil, an Währung gekoppelt | Offen, oft hochspekulativ |
| Hauptnutzen | Handel innerhalb des Marktes | Anwendung oder Spekulation |
| Risiko | Emittent, Regulierung | Totalverlust möglich |
| Haltedauer bei mir | Tage bis Wochen | Monate, in Ausnahmen |
Was Sie in Deutschland rechtlich beachten müssen
Krypto ist in Deutschland kein rechtsfreier Raum, auch wenn es früher so aussah. Seit der europäischen Regulierung für Märkte in Krypto-Werten gilt für Anbieter eine Zulassungspflicht. Börsen, die deutschen Kunden bedienen, müssen sich daran halten.
Steuern: der wichtigste Punkt für Privatanleger
Gewinne aus dem Verkauf von Kryptowährungen fallen für Privatpersonen unter die Einkommensteuer. Entscheidend ist die Haltedauer: Wer ein Jahr wartet, verkauft steuerfrei. Innerhalb eines Jahres sind Gewinne steuerpflichtig, und Verluste dürfen nur mit Gewinnen aus derselben Kategorie verrechnet werden.
Das klingt trocken, hat aber eine praktische Konsequenz: Wer im Dezember panisch verkauft, um Verluste zu realisieren, kann diese Verluste nicht einfach gegen Aktiengewinne rechnen. Ich habe das einmal falsch angenommen und war überrascht von der Steuererklärung.
Muss ich jeden einzelnen Trade melden?
Für Privatpersonen gilt: Die Summe der innerhalb eines Jahres erzielten Gewinne und Verluste ist relevant. Bei hunderten Klein-Trades wird das ohne Software schnell unübersichtlich. Ich führe seit zwei Jahren eine Tabelle für jeden Kauf und Verkauf mit Datum, Betrag und Kurs. Das ist keinen Spaß wert, aber es ist der einzige Weg, den Überblick zu behalten.
Häufige Fragen, kurz beantwortet
Welche Altcoins werden explodieren?
Niemand weiß das, und jeder, der es behauptet, hat ein Interesse daran, dass Sie kaufen. Was man beobachten kann, sind Muster: Coins mit echter Nutzung, aktiver Entwicklung und breiter Liquidität haben historisch besser überlebt als solche ohne. „Explodieren" ist ohnehin das falsche Wort, weil dieselben Coins auch implodieren können.
Wo finde ich eine vertrauenswürdige Liste?
Die großen Kurseiten zeigen alle gelisteten Coins mit Kapitalisierung und Handelsvolumen. Was diese Listen nicht zeigen: ob ein Projekt echt ist. Das müssen Sie selbst prüfen, indem Sie auf Tokenverteilung, Audit und Aktivität schauen.
Sollte ich überhaupt in Altcoins investieren?
Nur mit Geld, dessen Verlust Sie verkraften können. Ich habe einen festen Anteil meines Depots in Krypto, und innerhalb davon einen kleineren Anteil in Altcoins. Alles darüber hinaus ist für mich Glücksspiel, nicht Anlage.
Was am Ende bleibt
Altcoins sind ein Werkzeugkasten, in dem die meisten Werkzeuge kaputt sind. Ein paar funktionieren, und die findet man nicht, indem man auf Kursprognosen hört, sondern indem man hinschaut, wer den Code schreibt, wem die Tokens gehören und wer sie wann verkaufen darf.
Mein teuerster Fehler war nicht der Coin, der gefallen ist. Es war die Annahme, ich könnte die Arbeit überspringen, weil die Geschichte so gut klang. Die nächste Frage, die jemand mir am Telefon stellt, wird sein: „Aber welcher jetzt?" Und meine Antwort wird dieselbe bleiben wie heute: der, den Sie selbst verstehen. Wenn Sie ihn nicht in drei Sätzen erklären können, ist er nichts für Sie.